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Rubrik: Luftabwehr Translation: English French Spanish Italian Dutch Danish Polish Russian
Die Nike-FlaRak-Stellung Bad Essen (NL)
 Relikte des Kalten Krieges: 
Grundsätzliches über die Elemente und das Zusammenwirken im NATO-Luftverteidigungsgürtel ist auf der Themenseite nachzulesen.
Über die Verbände und Stellungen des FlaRak-Systems Nike sowie die Entwicklung dieser Waffe berichtet eine weitere Seite.
Die grundlegende Aufteilung einer Nike-Stellung ist auf der Seite über die Stellung Ristedt nachzulesen. Hier wird über eine Einsatzstellung in außergewöhnlicher Beschaffenheit berichtet.

Die Niederländische Luftwaffe baute vier Stellungen in der ostwärtigen 1st row des Nike-Gürtels auf. Diese wurden von Squadrons der 1. Groep Geleide Wapens belegt, welche ihr Hauptquartier in Münster-Handorf (NRW) hatte. Eine Stellung sollte am Nordrand des Wiehengebirges entstehen. Der Höhenzug bot einige Möglichkeiten, den Radargeräten einen großen Horizont zu geben. Für den Abschußbereich sollte dagegen im nördlich an die Höhenzüge anschließenden Flachland eine passende Stelle gefunden werden.
Die Umsetzung dieser Planungen führt letztendlich zu einer Stellung, die in zweierlei Hinsicht außergewöhnlich ist.

Die höchste Erhebung im vorgesehenen Gebiet war mit 195 m der Westerberg, rund 2 km südlich von Bad Essen. Hier konnte die Feuerleitstellung bzw. Integrated Fire Control (IFC) gebaut werden. Richtung Osten und Süden standen jedoch größere Berge, welche den Rundumblick eingeschränkten. So entschied man sich, mit großem baulichem Aufwand eine Brückenrampe zum Abstellen der Radargeräte aufzubauen. Die Konstruktion sorgte für einen Höhezugewinn von über 10 m. Über eine geschwungene Auffahrt konnten die Geräte auf ihrem Fahrgestell zu den Standplätzen geschleppt werden. Oben auf der Plattform gab es verschiedene Ausbuchtungen und Nischen, damit die Geräte ohne einander zu behindern bewegt werden konnten. Der Unterbau wurde genutzt, um das Bereitschaftsgebäude der Stellung in die Stahlbetonkonstruktion zu integrieren.
Die weiteren Einrichtungen der IFC entsprachen den Standard-Ausführungen solcher Bauten. Am Südrand des rund 5 ha messenden Geländes wurde ein Mast für Richtfunkverbindungen aufgestellt. Da das Areal hier bereits sehr abschüssig war, mußten entsprechende Bodenanker in den Abhang gebaut werden.

Für den Abschußbereich bzw. Launcher Area (LA) konnte nördlich der IFC ein Grundstück erworben werden. Es lag rund 1 km nördlich des Dorfes Brockhausen. Hierbei ist der zweite außergewöhnliche Punkt der Stellung Bad Essen zu finden. IFC und LA liegen Luftlinie knapp 5 km auseinander. Beide Bereiche mußten über Kabel miteinander in Verbindung stehen. Rechnet man die Höhenmeter und die aus geographischer Sicht notwenigen Zusatzmeter hinzu, kommt man auf die Maximallänge der Verbindungsleitungen; mehr als 5.500 m waren nicht möglich. Darüber hinaus war auf dem Weg auch noch der Mittellandkanal zu überwinden.
Die Launcher Area bekam, wie üblich, drei Sektionen, in denen die Nike-Raketen gelagert und auch abgefeuert werden konnten. Das System Nike-Hercules war von der Konzeption zwar auch zum Einsatz mit Atomsprengköpfen vorgesehen. Die Niederländer statteten aber zwei ihrer acht Squadrons nur mit konventionellen Sprengköpfen aus. Der Sicherheits- und Personalaufwand für die nuklearen Stellungen erschienen vermutlich zu hoch, als dieses überall einrichten zu können. So blieben die Stellungen Bad Essen und Nordhorn rein konventionell.

Hausherr in der Stellung Bad Essen wurde die 121 Squadron. Die Einheit ist 1965 in Vörden aufgestellt worden. Von dort verlegte sie zunächst in die Britischen Roberts-Barracks nach Osnabrück, der alten Winkelhausen-Kaserne. Dieser Standort war jedoch als nur vorübergehend gedacht.
Erst 1967 war der Aufbau der Infrastruktur abgeschlossen. Dann stand in Bohmte, knapp 6 km nördlich von Bad Essen, eine eigene Kaserne für die 121 Sqn zur Verfügung. Im März des Jahres konnten auch die Stellungsbereiche in Bad Essen den Betrieb aufnehmen.
Nun lief hier der reguläre Luftverteidigungsauftrag an, eingebettet in den Nike-FlaRak-Gürtel. Nördlicher Nachbar war die 118 Sqn in Vörden, südlicher Nachbar die 120 Sqn in Borgholzhausen (NRW). In Vörden befand sich auch das Groeps Operatiën Centrum (GOC) der 1. GGW, welches den Einsatz der unterstellten Einheiten koordinierte.

Bad Essen traf jedoch das Schicksal, die kürzeste Nutzungsdauer aller Nike-Stellungen der Niederländer zu erreichen. Aus finanziellen Gründen sah sich das Niederländische Verteidigungsministerium gezwungen, Reduzierungen bei den FlaRak-Stellungen durchzuführen. So wurde die 121 Sqn bereits von Juli 1970 bis Oktober 1972 vorübergehend deaktiviert. Stellung und Gerät standen weiterhin bereit und wurden gewartet. Im Krisenfall hätte die Anlage relativ schnell wieder in Betrieb gehen können.
Nachdem danach wieder der aktive Status hergestellt wurde, folgte im Dezember 1974 eine erneute Deaktivierung. Diesmal stand jedoch die Absicht der endgültigen Schließung dahinter. Im Rahmen einer großen Umstrukturierung der niederländischen FlaRak-Stellungen ist Bad Essen im Mai 1975 geschlossen worden. Die 121 Sqn wurde am 15. Mai aufgelöst.

Für zwei der freigezogenen Liegenschaften hat man später neue Nutzungsmöglichkeiten gefunden. Die Kaserne in Bohmte übernahm die Bundeswehr. Sie erhielt die Bezeichnung Tiling-Kaserne. Untergebracht wurde darin das Sanitätsausbildungszentrum 800 des Territorialkommandos Nord. Hier sind schwerpunktmäßig mobilmachungsbeorderte Ärzte und Personal von Sanitäts-Geräteeinheiten des Territorialheeres, insbesondere Reservelazaretten, im Rahmen von Wehrübungen geschult worden.
In den 1980er Jahren bauten die Briten die ehemalige Launcher Area bei Brockhausen zu einer Standortmunitionsniederlage für die Einheiten der Garnison Osnabrück um. Die alte Infrastruktur der LA wurde dabei vollständig beseitigt. Auf dem Gelände entstanden diverse neue erdüberdeckte Munitionslagerhäuser.
Eine militärische Weiterverwendung der früheren IFC ist nicht belegt. Da die Infrastruktur die Zeit jedoch unbeschadet überstanden hat dürfte eine regelmäßige Betreuung stattgefunden haben.

Nach Ende des Kalten Krieges konnten alle drei Liegenschaften in eine zivile Nutzung überführt werden. Aus der Tiling-Kaserne wurde ein Wohngebiet. Das Munitionsdepot Brockhausen stand fortan als Lagerfläche der Landwirtschaft zur Verfügung. In den 1990er Jahren ist die IFC zu einer Jugendbegegnungsstätte umgebaut worden.

 Zustand: 
In der IFC sind die meisten Bauten aus Zeiten der militärischen Nutzung erhalten. Allerdings wurden sie im Laufe der Jahre mehr oder weniger verändert. Besonders die Brückenrampe ist noch heute ein eindrucksvolles Bauwerk.
In der LA sind mit dem Umbau zum Munitionsdepot sämtliche Spuren der FlaRak verschwunden.
Die Baulichkeiten in der Bohmter Kaserne sind noch weitgehend komplett erhalten.

 Zugang: 
Sowohl die IFC als auch die LA befinden sich in Privatbesitz und dürfen nicht betreten werden. Beide Anlagen sie jedoch von außen einsehbar. Die Kaserne in Bohmte ist als Wohngebiet frei zugänglich, ausgenommen natürlich die Privatgrundstücke.

 Hinweis: 
Auch die Jugendbegegnungsstätte ist im Internet zu finden:
http://www.jbs-wiehenhorst.de

Über die Niederländischen Groepen Geleide Wapens in Deutschland ist ein interessantes Buch erschienen:
Titel: Blazing Skies Niederländisch
Autor: Rinus Nederlof
Verlag: Sdu Uitgevers, Den Haag
ISBN: 90-12-09678-2

Blick aus der Vogelperspektive mit Google Maps:
IFC:

Google Maps

LA:
Google Maps


Fotos:
Feuerleitstellung - Integrated Fire Control (IFC):

IFC
Die Einfahrt zur IFC

Bereitschaftsgebäude
In die Brücke ist das Bereitschaftsgebäude integriert. Es wurde für die heutige Nutzung um eine Etage erhöht.

Stromversorgung
Das Commercial Power Building für die Stromversorgung aus dem öffentlichen Netz

Schutzraum
Zugang zu einem Mannschafts-Schutzraum

Fundamente
Im Abhang sind Fundamente zur Abspannung der Richtfunk-Antenne zu finden

Radar-Brücke
Die Auffahrt zur Radar-Brücke

Rampe
Im weiten Bogen führt die Rampe aufwärts

Höhe
Rechts wird die volle Höhe erreicht

Westlicher Flügel
Der westliche Flügel

Östlicher Flügel
Der östliche Flügel

Mitte
Die Mitte der Brücke. Auf dieser steht seit 2000 eine solartechnische Demonstrationsanlage.

Ausbuchtungen
Die Ausbuchtungen auf der Brücke markieren den früheren Standort von Radargeräten

Bewaldet
Heute ist die Umgebung stark bewaldet, zu Nike-Zeiten war die Anhöhe völlig kahl.

Feuerstellung - Launcher Area (LA): Kaserne in Bohmte:
LA
Das Tor der Liegenschaft
Munitionsbunker
Heute stehen Munitionsbunker auf dem Gelände
Kaserne
Die frühere Haupteinfahrt der Kaserne Bohmte
Betriebsbereich
Im ehemaligen Betriebsbereich der Kaserne residiert heute der DRK-Ortsverband Bohmte
 
Karte
Maßstab
 
Quellenangabe:
- Rinus Nederlof: Blazing Skies
- Wilhelm von Spreckelsen, Wolf-Jochen Vesper: Blazing Skies
- Karl-Anweiler: Fahrzeugtypenkatalog der Bundeswehr - Nike-Ajax / Nike-Hercules
- R. Goerigk
- A. van Minderhoud
- H. Siewert
- R. Erkelens
 
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